Fin de temps zum Blättern
„Fin de temps“ ist ein Heft aus dreißig Blättern im A3-Querformat, abwechselnd Transparentpapier und deckender Bogen, dazu ein schwarzer Umschlag. Das Layout rechnet mit dem Material: Auf mehreren Transparentblättern stehen schwarze Kästen, die registerhaltig die Textspalten der nächsten Seite abdecken. Wer das Blatt umschlägt, legt den Text frei. Als PDF am Bildschirm ist davon nichts zu sehen, dort folgt einfach Seite auf Seite. Deshalb liegt das Heft jetzt als Objekt im Browser, zum Aufschlagen, Blättern und Hineinzoomen.
Der Motor dahinter konnte bis dahin nur Rückstich: gefalzte Bögen, die ineinanderstecken und je vier Seiten tragen. Für dieses Heft ist das nicht bloß ungenau, sondern unmöglich. Im Rückstich wären Blatt 1 und Blatt 30 derselbe Bogen, ein Bogen kann aber nicht zur Hälfte aus Transparentpapier bestehen. Tatsächlich liegen die Blätter einzeln übereinander, drei Klammern zehn Millimeter von der Kante halten sie zusammen, und ein selbstklebendes Gewebeband von 25 mm Breite verdeckt die Klammern. Geknickt wird rund 30 mm vom Rücken. Seither gibt es im Motor eine zweite Bindungsart mit einem eigenen Gitter je Blatt, und die Grundwahrheit ist nicht mehr das PDF, sondern ein Blattplan, der am gedruckten Heft erfasst wurde: welches Papier, welche Seite vorn, welche hinten.
Dann stand der Umschlag über. Je weiter man blätterte, desto deutlicher zogen sich die umgeschlagenen Blätter an der Vorderkante zurück, das Deckblatt ragte am weitesten heraus. Es sah nach einem Fehler aus, denn alle Blätter sind gleich groß. Es ist keiner. Jedes umgeschlagene Blatt läuft in einem Bogen über den Block, und je höher es im linken Stapel zu liegen kommt, desto länger ist dieser Weg. Die Länge fehlt vorn, rund π mal die Zahl der umgeschlagenen Blätter mal die Blattdicke. Der Versuch, den Bogen durch ein Scharnier zu ersetzen, machte die Kante tatsächlich bündig, 0,9 statt 12,7 mm. Er erzeugte aber 137.000 Durchdringungen auf den ersten 26 mm hinter der Klammerlinie, weil sich die Reihenfolge der Blätter zwischen Block und linkem Stapel umkehrt und keine flache Rampe diese Kreuzung vermeiden kann. Die Gegenprobe am echten Heft hat die Sache entschieden: Die Blätter ziehen sich zurück, genau so.
Also wurde gemessen statt geschätzt. Der Kern ist 5,0 mm dick, mit Umschlag 5,8 mm, das Transparentpapier deutlich dünner als der deckende Bogen. Daraus ergeben sich 0,211 mm für das deckende Blatt, 0,123 mm für das transparente und 0,400 mm für den Umschlag. Mit den echten Dicken wurde die Auffächerung nicht kleiner, sondern größer, 16,4 statt 12,7 mm. Das ist richtig so, und es war die lehrreichste Stelle des Projekts: Eine Simulation, die den Schönheitsfehler des Originals wiedergibt, ist näher an der Sache als eine, die ihn wegrechnet.
Beim Transparentpapier lag der erste Wurf daneben. Das Blatt war als Ganzes durchscheinend, und damit auch die Druckfarbe: Schwarze Flächen wirkten ausgewaschen, man sah durch die Schrift hindurch. Auf einem bedruckten Transparentbogen ist aber nur der Bedruckstoff durchscheinend, die Farbe deckt. Die Deckung lässt sich aus der Seite selbst ablesen. Nach Murray-Davies ist der Flächendeckungsgrad ungefähr eins minus Remission, gemessen am dunkelsten Farbkanal, damit auch ein farbiger Vollton als deckend gilt und nicht als halb durchsichtiges Grau. Jeder Bildpunkt bekommt daraus seine eigene Deckkraft. Dass die Kästen anfangs sichtbar neben den Spalten lagen, hatte zwei Ursachen. Die Scans sitzen bis zu knapp drei Millimeter neben dem Raster, das ließ sich je Blatt von Hand nachstellen. Schwerer wog ein Luftspalt von 15 mm am Außenrand, weil der rechte Stapel seine Tiefe vom falschen Blatt aus zählte. Von schräg oben gesehen verschob allein das den Kasten um drei Millimeter.
Bleibt das Telefon. Ein aufgeschlagenes A3-Heft ist ein sehr breites Querformat, hochkant gehalten bleibt davon ein Streifen. Die Ausrichtung lässt sich im Browser nicht sperren, auf iOS gar nicht. Gedreht wird deshalb das Bild, und zwar die Kamera um 90 Grad, nicht die Zeichenfläche per CSS. So bleiben die Fingerkoordinaten echte Bildschirmkoordinaten, der Zoom auf den Finger und das Verschieben stimmen von selbst. Umrechnen muss nur, was in „links und rechts vom Bund“ denkt, also das Greifen und Umschlagen der Blätter.
↗ Live im Lab: labs.marckusse.at/derbrandt/fin-de-temps